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“Digitale Resilienz ist eine gesellschaftliche Kompetenz”

16. Juli 2025

Krisen, Kriege, Desinformation, Dauerstress durch digitale Medien – all das hinterlässt Spuren. Der Mediensoziologe und Autor Stephan Weichert spricht im Interview über digitale Selbstermächtigung, Widerstandsfähigkeit und die Rolle der gemeinwohlorientierten Weiterbildung.

Herr Weichert, warum brauchen Menschen digitale Resilienz?

Das ist einfach zu beantworten: Wir leben in schwierigen Zeiten mit Kriegen und Krisen. Viele Menschen sind orientierungslos. Sie brauchen eine neue Selbstwirksamkeit und Souveränität, wie sie mit digitalen Medien umgehen können. Wenn Menschen sich durch einen News-Burnout möglicherweise gar nicht mehr informieren, entsteht ein bedenkliches Wissens- und Informationsvakuum.

Der zweite Aspekt ist der Suchtfaktor von digitalen Medien. Es ist mehrfach nachgewiesen, dass eine hohe Bildschirmzeit zu psychischen Erkrankungen führen kann. Das zwingt uns die Frage auf, ob wir umdenken müssen. Müssen wir Verbote einrichten? Müssen wir bessere Vorbilder für Jugendliche und junge Erwachsene liefern, damit die Bildschirmzeit nicht weiter steigt?

Impulsveranstaltung „Stark im Netz, stark in der Demokratie“

Am 25. November ist Stephan Weichert auf der Online-Veranstaltung „Stark im Netz, stark in der Demokratie“ der Paritätischen Akademie NRW zum Thema digitale Resilienz zu Gast. In einer Keynote spricht er darüber, warum Resilienz in digitalen Räumen heute unverzichtbar ist – und wie Bildungseinrichtungen einen entscheidenden Beitrag leisten können, Menschen zu stärken. Unter diesem Link könnt ihr euch über die Veranstaltung informieren und anmelden.

Die Online-Veranstaltung bildet den Abschluss des diesjährigen Innovationsprojektes „Medienkompetenz als Schlüssel für Demokratiefähigkeit – Resilient sein, informiert bleiben“ im Rahmen des Innovationsfonds für Weiterbildung 2025. Das Projekt wird durchgeführt von der Paritätischen Akademie NRW und gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.


Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten aktuellen Herausforderungen der Digitalisierung?

Erstens sehe ich Resilienz als gesellschaftliche Kompetenz, die über einzelne Personen hinausgeht. Organisationen und die Demokratie müssen in der Lage sein, Desinformationen und Schocks zu verkraften. Bei allem Überfluss von Information und Desinformation müssen wir vertrauenswürdige Anker finden, damit Menschen sich orientieren können.

Zweitens müssen wir einen Umgang mit Hass und Hetze finden. Den Medien muss es gelingen, Foren zu schaffen für Konflikte und Streit. Diese Diskussionen sind wichtig für eine Demokratie. Und drittens ist die Medienlandschaft selbst angeschlagen und wenig resilient. Gerade im Umgang mit neuen Themen wie Künstlicher Intelligenz müssen sich Medien selber unabhängig machen. Journalismus wird immer mehr zu einem schützenswerten Gut, das durch die Politik und Fördermaßnahmen gestützt werden muss.

Wie können Menschen in der digitalen Welt die Demokratie stärken?

Das ist nicht sehr einfach zu beantworten. Menschen sollten ihre Selbstwirksamkeit steigern, indem sie bewusster digitale Medien nutzen und sich über Hintergründe informieren, bevor sie Apps oder soziale Medien nutzen. Erst mit dem entsprechenden Wissen kann ich mich als Nutzer*in wehren. Generell sollten wir uns als Menschen in der digitalen Welt viel mehr einmischen in neue Entwicklungen. Bei dem Thema Künstliche Intelligenz empfinde ich uns als Getriebene, wir müssen uns dort mehr einbringen und mitgestalten. Gerade im Blick auf die Demokratie ist das eine Mitbestimmungspflicht, nicht nur ein -recht. Resilient zu sein bedeutet auch, sich bewusst zu werden und aktiv zu informieren.

Was kann ich als einzelner Mensch online tun, ohne mich von der digitalen Welle wegschwemmen zu lassen?

Auszeiten sind sehr wichtig. Man kann Verträge mit sich selbst schließen, wie viele Stunden man maximal digitale Medien konsumiert. Das ist wichtig, um in die Selbstermächtigung zu kommen. Die Frage der Abgrenzung berührt auch die Vermischung von beruflichem und privatem. Wenn man auf dem Handy berufliche E-Mails und private Nachrichten gleichermaßen empfängt, kann das zu einer gefährlichen Entgrenzung führen, die psychisch belastend ist.

Insgesamt halte ich einen bewussten Medienkonsum, Auszeiten sowie die Kompetenz, Fake News und Desinformation zu erkennen, für die besten Mittel, sich nicht wegschwemmen zu lassen. Natürlich ist das bei einem hohen Konsum bis hin zum Suchtverhalten in der Theorie einfacher gesagt als in der Praxis getan.

Ergreifen Sie selbst ähnliche Maßnahmen?

Zuhause haben wir Verträge zur Nutzung von digitalen Medien. Die Smartphones haben am Tisch nichts zu suchen und werden ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr genutzt, um einen besseren Schlaf zu haben. Ich halte es auch für wichtig, regelmäßig zu schauen, welche Apps man nicht mehr nutzt und welche Zeitfresser sind, um diese dann digital zu entrümpeln. Ich selbst habe vor langer Zeit Twitter und Facebook gelöscht. Bei Instagram überlege ich aktuell noch, weil ich keine Meta-Anwendungen mehr nutzen möchte. Das muss jede*r persönlich entscheiden – manchmal hilft dann der Blick auf die eigene Bildschirmzeit, um zu erschrecken, wie viel Zeit man am Smartphone verschwendet.

Dr. Stephan Weichert. Foto: VOCER-Institut Martin Kunze
Dr. Stephan Weichert. Foto: VOCER-Institut Martin Kunze

Zur Person

Dr. Stephan Weichert ist Gründer und Direktor des gemeinnützigen VOCER – Instituts für digitale Resilienz . Das Institut arbeitet als Think & Do Tank an der Schnittstelle von Journalismus, Technologie und gesellschaftlichem Wandel. Der Medienwissenschaftler und langjährige Journalist arbeitet zudem als Innovationsberater und Resilienz-Coach mit besonderem Fokus auf Medienwandel und digitale Strategien. Seit über 25 Jahren engagiert sich Weichert in der journalistischen Aus- und Weiterbildung. Weichert hat mehr als 40 Bücher und Studien veröffentlicht, in denen er sich mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf Journalismus, Öffentlichkeit und Demokratie beschäftigt.


Wie kann die gemeinwohlorientierte Weiterbildung digitale Resilienz für alle fördern?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich finde es interessant, dass ich trotzdem sehr selten darauf angesprochen werde. Ich denke das liegt daran, dass die Menschen unterschätzen, welche zentrale Rolle die Weiterbildung in Bezug auf unser digitales Leben haben kann. Sie wird viel zu häufig aus den Augen verloren.

Bei Menschen, die an Weiterbildungen zum Thema digitale Medien teilnehmen, stellt man in kürzester Zeit positive Entwicklungen fest. Sie verstehen besser, wie die digitale Welt funktioniert, und können praktische Maßnahmen anwenden, um damit besser zurecht zu kommen. Manche Menschen denken, sie haben das gar nicht nötig, aber digitale Medien sind ein so zentrales Thema, dass wir der Weiterbildung in dem Bereich viel mehr Sichtbarkeit verleihen müssen, damit Menschen Lust haben, sich in einen dauerhaften Weiterbildungsprozess zu bewegen.

In unserem VOCER Institut bieten wir praxisnahe Weiterbildung für Medienschaffende an. Viele Medienhäuser und Freischaffende können sich Weiterbildungen nicht leisten, weshalb wir kostenfreie Weiterbildung anbieten müssen, die von Stiftungen finanziert werden. Deshalb setzen wir auf die Gemeinwohlorientiertheit.

Ist Medienkompetenz eine Querschnittaufgabe, um einer gesellschaftlichen Spaltung durch einen „digital gap“ vorzubeugen?

Ja. Medienkompetenz geht alle an. Das ist nichts, was nur in einer Bubble den Spezialist*innen vorbehalten ist. Wir stehen in Bezug auf Medien vor der Aufgabe, dass wir im Gewirr von Fake News und Desinformation ein gemeinsames Realitätsverständnis entwickeln müssen – im Sinne von Partizipation aller Menschen. Dazu gehört, dass wir den Menschen vermitteln müssen, wie Medien hergestellt werden und wie sie funktionieren. Dass wir vermitteln, wie professioneller Journalismus funktioniert und was daran anders ist im Vergleich zum Content von Influencer*innen.

Wir stehen vor dem Dilemma, dass professioneller Journalismus wichtiger ist denn je, und gleichzeitig seine Akzeptanz geringer ist. In Deutschland reden wir von nicht mal 100 Jahren freier Presselandschaft. Vielleicht kommen wir – gerade auch im Zuge der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz – jetzt in eine Phase, in der es sowas wie professionellen Journalismus gar nicht mehr gibt. Deshalb müssen wir daran arbeiten, professionellen Journalismus zu erhalten.

DemokratieDemokratieförderungDigitale ResilienzDigitalisierungResilienz
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