Gerade für soziale Organisationen ist es wichtig, ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen, sagt Diplom-Sozialwissenschaftler Hartmut Reiners im Interview zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Offenheit für Vielfalt helfe zum Beispiel dabei, Fachkräfte zu binden.
Herr Reiners, warum profitieren gerade soziale Organisationen davon, sich beim AGG gut auszukennen und ein diskriminierungsarmes Arbeitsumfeld zu ermöglichen?
Soziale Organisationen verstehen sich als Orte der Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Inklusion. Sie begleiten Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und setzen sich professionell gegen Ausgrenzung und Benachteiligung ein. Gleichzeitig sind diese trotz dieses Anspruchs keine Orte, an denen Diskriminierung nicht auch wirksam wäre. Umso wichtiger ist es, dass diese Werte innerhalb der eigenen Organisation gelebt werden.
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bietet hierfür einen verbindlichen rechtlichen Rahmen. Wer die Anforderungen des AGG kennt, kann Diskriminierungsrisiken frühzeitig erkennen und Organisationsstrukturen so gestalten, dass Benachteiligungen möglichst vermieden werden. Dabei geht es nicht nur um Rechtssicherheit, sondern auch darum, eine diskriminierungssensible Organisationskultur zu entwickeln.
Aus eigener Erfahrung als langjähriger Geschäftsführer eines sozialen Trägers kann ich sagen, dass soziale Organisationen von vielfältigen Teams, unterschiedlichen Perspektiven und biografischen Erfahrungen ihrer Mitarbeitenden profitieren, weil sie die Vielfalt ihrer Nutzer*innen abbilden.
Hilft das Geschäftsführungen, die Mitarbeitende gewinnen und binden möchten?
Ja, angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels ist eine glaubwürdige Antidiskriminierungsstrategie ein wichtiger Baustein nachhaltiger Personalentwicklung. Viele Bewerber*innen möchten heute wissen, ob eine Organisation Vielfalt tatsächlich wertschätzt und wie sie mit Diskriminierung umgeht. Sie fragen sich: Kann ich hier meine Perspektiven und Erfahrungen einbringen? Werde ich unterstützt, wenn ich Benachteiligung erlebe? Und gibt es Strukturen, die Teilhabe und Chancengerechtigkeit nicht nur versprechen, sondern auch praktisch absichern?
Ein Arbeitsumfeld, das Wertschätzung, Zugehörigkeit fördert und den Diskriminierungsschutz im Blick hat, stärkt die Handlungsfähigkeit von Fachkräften, und dass sie sich sicher an ihrem Arbeitsplatz fühlen.
Diskriminierungsbeschwerden sind kein Makel. Die Beschwerdestelle schafft vielmehr einen verlässlichen und transparenten Rahmen, in dem Mitarbeitende Diskriminierungserfahrungen ansprechen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Hartmut Reiners
Welche sind die drei wichtigsten Pflichten, die sich aus dem AGG für Arbeitgeber ergeben?
Die erste zentrale Pflicht besteht darin, präventiv gegen Diskriminierung zu wirken. Arbeitgebende müssen geeignete Maßnahmen ergreifen, um ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu fördern. Dazu gehört, sich klar gegen Diskriminierung zu positionieren, eine diskriminierungssensible Haltung im Umgang mit Kolleg*innen und Klient*innen zu vermitteln, Fortbildungen (AGG-Schulungen) anzubieten sowie transparente Verfahren wie einen Verhaltenskodex einzuführen.
Die zweite Pflicht ist es, Beschäftigte vor Benachteiligung zu schützen. Erhält die Organisation Kenntnis von diskriminierenden Vorfällen, muss sie den Sachverhalt prüfen und wirksame Maßnahmen ergreifen, um Betroffene zu schützen und weitere Diskriminierungen zu verhindern.
Die dritte Pflicht ist, eine Beschwerdestelle nach § 13 AGG einzurichten. Beschäftigte haben ein gesetzlich verankertes Beschwerderecht. Organisationen müssen deshalb eine zuständige Stelle benennen, Beschwerden nachvollziehbar bearbeiten und geeignete Maßnahmen zur Abhilfe einleiten.
Für soziale Träger bedeutet das, Diskriminierungsschutz nicht als Einzelmaßnahme, sondern als Bestandteil von Qualitätsentwicklung, Fürsorgepflicht und professioneller Organisationsverantwortung zu verstehen.
Wofür ist eine Beschwerdestelle gut und warum sollte jede Organisation eine solche Stelle einrichten?
Eine gut aufgestellte Beschwerdestelle stärkt sowohl den Schutz einzelner Mitarbeitender als auch die Qualität und Zukunftsfähigkeit der gesamten Organisation. Dabei gilt: Diskriminierungsbeschwerden sind kein Makel. Die Beschwerdestelle schafft vielmehr einen verlässlichen und transparenten Rahmen, in dem Mitarbeitende Diskriminierungserfahrungen ansprechen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Sie stärkt die Rechte von Betroffenen, ermöglicht, Diskriminierungsvorfälle professionell zu bearbeiten, und liefert wichtige Hinweise auf strukturelle Barrieren innerhalb der Organisation.
Für soziale Träger ist die Beschwerdestelle mehr als ein Verfahren zur Konfliktbearbeitung – sie unterstützt eine kontinuierliche Reflexion und Weiterentwicklung von Organisationsstrukturen und Arbeitskultur. Sie trägt dazu bei, dass Vielfalt, Teilhabe und Respekt nicht nur Leitbilder bleiben, sondern im Arbeitsalltag wirksam werden und unterstützt eine inklusive Organisationsentwicklung.
Zur Person
Hartmut Reiners ist Diplom-Sozialwissenschaftler sowie Trainer und Berater für Diskriminierungsschutz und Rassismuskritik. Er hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Leitung eines landesweit agierenden Trägers sowie in der Projektentwicklung und Konzipierung von Bildungsformaten im Themenfeld Diskriminierungsschutz für Fach- und Führungskräfte in der Sozialen Arbeit. Für die Paritätische Akademie NRW gibt er Seminare zum Themenbereich Antidiskriminierung.
Artikelfoto: Rawpixel/Adobe Stock

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