Warum sollten Führungskräfte ihre Arbeit regelmäßig in Boxenstopps anhalten und reflektieren? Im Interview erklärt Kommunikations- und Betriebspsychologin Katrin Gausmann, wie du dir durch Reflexion Sicherheit schaffst und proaktiv gestaltest.
Frau Gausmann, warum sollten Führungskräfte ihre Arbeit und ihre Herangehensweisen regelmäßig reflektieren?
Für viele Führungskräfte ist Reflexion allein zeitlich gesehen etwas Schwieriges, da braucht es einen Anschub. Wer sich die Zeit nimmt, entwickelt Stabilität und Zuversicht – die Basis, um Herausforderungen zu meistern. Im sozialen Bereich werde ich als Führungskraft täglich von vielen Seiten unter Druck gesetzt: von Mitarbeitenden, Angehörigen, Klient*innen und Trägern. Im Alltag fühle ich mich hin- und hergerissen und frage mich manchmal: Warum mache ich das? Wo will ich hin?
Hier wird Reflexion zur Notwendigkeit. Ich brauche regelmäßige „Boxenstopps“ – bewusste Pausen, um mir Klarheit zu verschaffen: Wie führe ich? Wie möchte ich führen? Laufe ich mit meinem Team in die richtige Richtung oder drehen wir uns im Kreis? Wenn ich das früh erkenne, kann ich meine Arbeit immer wieder nachjustieren und mit mehr Sicherheit vorangehen.
Wie sieht so eine Reflexion konkret aus?
Reflexion bedeutet, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst miteinander zu verbinden: Was war gut? Was war schwierig? Und was lerne ich daraus? Das gehört zur notwendigen Rückschau. Ein sehr wichtiger Punkt, den man leider häufig übersieht: Wir erleben im sozialen Bereich so viele schöne, berührende Momente mit den Menschen, die wir begleiten – aber wir nehmen sie oft nicht mehr bewusst wahr und feiern sie oft nicht. Daher sollte ich zudem fragen: Welche Highlights gab es? Wo haben wir etwas Wertvolles geschaffen?
Entscheidend ist auch: Wo stehe ich jetzt genau? Wo liegen Herausforderungen? Was sind meine nächsten Schritte? Wo brauchen Menschen konkret meine Unterstützung? Ich muss nicht mit einem perfekten Plan herausgehen, wichtiger ist eine klare Ausrichtung. Das gibt mir Stabilität und Sicherheit.
Warum ist diese klare Orientierung wichtig?
Ein sehr hilfreicher Gedanke dazu ist, sich einen Wald vorzustellen: Ich bin mit meinem Team unterwegs, und unsere Aufgabe ist es, aus diesem Wald herauszukommen. Aber wir finden den richtigen Weg nicht. Wenn ich als Führungskraft permanent vorweg renne und am Ende merke, dass wir im Kreis rennen, hilft das niemandem, weder mir noch dem Team. Es schadet sogar allen Beteiligten, weil es viel unnötige Energie kostet. Meine Führungsaufgabe ist vielmehr aufmerksam zu sein und die richtigen Fragen zu stellen: Wie orientieren wir uns gemeinsam? Was haben wir gut gemacht? Welche Kompetenzen hat das Team, die wir nutzen können? So entwickle ich Besonnenheit und Übersicht und das Team wird handlungsfähig.
In Fortbildungen haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit anderen Führungskräften auszutauschen. Was hat das für einen Effekt auf die eigene Führungsarbeit?
Das Lernen voneinander ist eine große Bereicherung. Führungskräfte aus dem sozialen Bereich – ob Kita, Wohnen, Beratung oder Personalmanagement – haben viele Übereinstimmungen in ihrem Alltag. Wer will, kann im Austausch wirklich voneinander lernen. Wenn andere schon einen Fehler gemacht und eine gute Lösung gefunden haben, kann ich direkt davon lernen. Der offene, ehrliche Austausch ist immer eine größere Bereicherung als nur die Theorie zu kennen. Manchmal ist es auch das Mitgefühl: Wenn andere Führungskräfte sagen, dass sie die Situation kennen und wissen, wie schwer und belastend sich das anfühlt, kann das neue Energie bringen, um neue Wege zu gehen. Denn es macht bewusst, der gefühlte Zustand ist endlich. Und wenn ich dann mit der Unterstützung und den Ideen anderer Teilnehmer*innen arbeite, bleibe ich nicht in meiner Überwältigung stehen, sondern gehe weiter.
Insbesondere in den Jahresfortbildungen, die ich begleiten darf, sehe ich immer wieder, dass neues Wissen in Verbindung mit der Sicherheit der Gruppe und der Reflexionsbereitschaft der Teilnehmer*innen dazu führen, dass Teilnehmer*innen aus Momenten der Resignation heraustreten und neue Handlungsspielräume entdecken. Sie schöpfen neuen Mut, entwickeln Neugierde und Tatkraft.
Wie spüren Führungskräfte, dass sie sich weiterentwickelt haben?
Die Energie und die Qualität, mit der ich führe, verändert sich spürbar. Bewusst wird dies durch die richtigen Fragen: Wo bin ich gestartet, wie ging es mir damals? Wie geht es mir heute, nach der Zeit der Reflexion und Arbeit an mir selbst? Kann ich ruhiger schlafen? Wird meine Arbeit leichter? Entwickle ich mehr innere Sicherheit, wenn ich schwierige Konflikt- oder Kritikgespräche führen muss?
Der größte Schlüssel für echte Entwicklung ist, dass ich feststelle: „Wow, jetzt habe ich einen echten Entwicklungsschub!“ Ich spüre, dass ich Herr oder Frau meines eigenen Alltags werde. Ich bin weniger reaktiv, sondern öfter proaktiv und gestalterisch unterwegs. Ein konkretes Beispiel: Wenn ich jeden Morgen Dienste plane und meine Aufgaben strukturiere, denke ich mit reflektierter Führung: „Das ist eine feste Aufgabe in meinem Zeitmanagement.“ Dadurch entsteht innere Ruhe, ich gehe entspannter dran. Und wenn du die Zeit mal nicht dafür brauchst, hast du das Gefühl, etwas gewonnen zu haben.
Fängt die Führungskraft an proaktiver zu führen, dann überträgt sich das auf das Team: Denn zum Beispiel auch die Kommunikation mit dem Team werde ich dann sinnvollerweise anders planen. Statt ständiges Unterbrechen-Lassen, werde ich konkret kurze, regelmäßige Austauschmöglichkeiten schaffen. Das Beste daran ist, dass sich in diesen Kurzmeetings keiner schlecht fühlen muss, weil er schon wieder stört, sondern in der Ruhe echte Schaffenskraft entsteht.
Denn eines zum Abschluss: Unsere Idee “Es geht nur alles, wenn ich multitaskingfähig bin!” ist der Virus unserer Zeit und der sichere Weg ins alltägliche Hamsterrad. Der erste Weg daraus? Jeden Tag einen kurzen Boxenstopp für dich in Stille und den Mut, Entscheidungen zu treffen, um wieder Herr/Frau deines Führungsalltages zu werden.
Zur Person
Katrin Gausmann ist Kommunikations- und Betriebspsychologin sowie Heilerziehungspflegerin. Als Dozentin greift sie auf 20 Jahre Führungserfahrung in der Eingliederungshilfe zurück. Bei der Paritätischen Akademie NRW gibt sie zahlreiche Fortbildungen, unter anderem die Kursreihe “Fit in Führung”.. Darin wirst du als Führungskraft ein Jahr lang in deiner Weiterentwicklung begleitet.
Artikelfoto: Peopleimages.com/Adobe Stock

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