Kinder mit und ohne Behinderungen brauchen regelmäßig neue Lernerfahrungen. Durch kreative Angebote entwickeln sich die Kinder während eurer pädagogischen Begleitung weiter. Welche Vorteile kreative Angebote bringen, erklärt Kunsttherapeutin Dr. Halka Breyhan.
Frau Breyhan, warum ist es wichtig, Kindern in inklusiven Lernumfeldern regelmäßig neue, kreative und entwicklungsfördernde Lernangebote zu machen?
Gerade in inklusiven Lernumfeldern finde ich es wichtig, immer wieder den eigenen Blick zu öffnen und selbst neue kreative Erfahrungen zu machen, um auch den Kindern zu ermöglichen, neue Perspektiven kennenzulernen und eine positive Selbstwahrnehmung zu entwickeln. Der Austausch untereinander und das Miteinander bei kreativen Aktivitäten ermöglichen den Kindern, ihre eigenen Stärken und Grenzen kennenzulernen und auszutesten, wie auch die der anderen. So entstehen Situationen, bei denen sich die Kinder gegenseitig ermutigen können, Neues auszuprobieren und Grenzerfahrungen zu machen. Das stärkt ihre Selbstwirksamkeit, Selbststeuerungsfähigkeit und Problemlösekompetenz im Sinne der Resilienzförderung, was ich im inklusiven Kontext besonders wichtig finde.
Dabei lernen die Kinder auch ihre Emotionen kennen, mit ihnen umzugehen und sie selbst zu regulieren. Im kreativen Umfeld ist dies spielerisch innerhalb der ablaufenden Prozesse möglich: Das Ergebnis oder Produkt steht nicht im Vordergrund. Inklusion und Kreativität bedeuten für mich, Vielfalt als Grundlage für unsere persönliche Entwicklung zu erleben. Auf lange Sicht wird so auch die Diversität unserer Lebenswelt gefördert, wozu Selbst- und Fremdwahrnehmung, Offenheit und Wertschätzung gehören.

Wie fördere ich Kinder durch Kreativität?
Mit kreativem Arbeiten geht ein gewisser Freiraum einher, der die intrinsische Motivation sowie die eigene Fantasie der Kinder zulässt, indem man Lernprozesse des Versuchs und Irrtums zulässt, um Neues entstehen zu lassen und zugleich Neugier sowie Experimentierfreude fördert. Dazu kommt, dass die positive Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Kinder gestärkt werden.
In der natürlichen Entwicklung des Spiels durchlaufen wir zum Beispiel die Spielformen „Explorationsspiel“ und „Phantasiespiel“, die sich im kreativen Umfeld besonders gut entfalten und unmerklich gefördert werden können. Das selbständige Erarbeiten von Tätigkeiten wird spielerisch angeregt, allein schon durch das Bereitstellen von unterschiedlichen Materialien und das Vermitteln von kreativen Techniken. Außerdem münden kreative, spielerische und experimentelle Aktivitäten im Erwachsenenalter in kulturellen Aktivitäten und bieten einen wichtigen Part in unserem Leben.
Können Sie dazu kreative Beispiele nennen?
Ein schönes Beispiel ist die Arbeit mit Ton: Ton ist ein natürliches und preiswertes Material, das ich in größeren Mengen anbieten kann. Es ist haptisch „einladend“: Ich kann den Ton laut auf die Arbeitsplatte werfen, kneten, formen, durchbohren, schneiden, leise und vorsichtig glätten… Es muss nicht zwingend ein Produkt entstehen; das Gestalten an sich fördert schon den Muskeltonus, Finger-Hand-Koordination, taktiles Erleben und vor allem Freude. Ein zweites Beispiel ist das beidhändige Arbeiten: Kinder sind im Alter bis zu zwei, drei Jahren noch ambidexter, also mit beiden Händen gleich geschickt, und haben noch lange Freude daran, mit beiden Händen gleichzeitig zu zeichnen oder zu malen.
Oder nehmen wir das Arbeiten in der Natur. Denken wir zum Beispiel an die Kunstrichtung LandArt, in der Künstler*innen auf die Umgebung eingehen und bestimmte Elemente künstlerisch hervorheben. Einer meiner liebsten Künstler in diesem Zusammenhang ist Richard Long, der mit seinen Steinkreisen oder seinen gelegten Skulpturen aus Strandgut auf die Vergänglichkeit hinweist und während seiner Wanderungen mit seinen Werken unmittelbar auf die Landschaft eingeht. Kinder haben einen sehr direkten Zugang zu ihrer unmittelbaren Umgebung; sie sind scharfe Beobachter und von sich aus „Sammler“. Mit ihren gesammelten Naturmaterialien lassen sie sich von Richard Longs Kunstwerken spontan anregen und übersetzen sie in eigene Werke.
Themen wie Prozesse in der Natur oder Vergänglichkeit nehmen sie von sich aus engagiert auf. Für Begegnung und Austausch (soziale Kompetenzen) bietet sich das dialogische Malen besonders an: Bestehen zum Beispiel bei Einzelnen Einschränkungen im verbalen Austausch, so können die Kinder auf einem Blatt Papier zu zweit oder zu mehreren abwechselnd zeichnen oder malen und dabei immer wieder auf das Entstehende eingehen, wie bei einem gesprochenen Dialog.
Wie fördere ich durch gemeinsame Kreativität den Austausch zwischen den Kindern im Sinne von Inklusion?
Das kreative Gestalten innerhalb einer Gruppe bedeutet für alle Beteiligten, unmittelbar am Schaffungsprozess der anderen teilzunehmen, sich von den Werken der anderen anregen zu lassen, neugierig zu werden und in Austausch zu gehen: verbal aber auch im kreativen Arbeiten selbst. Im Gestalterischen findet vor allem ein Zusammenspiel der Sinne statt, die bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprägt sind: Was passiert, wenn ein Sinn eingeschränkt ist? Werden die anderen Sinne dann besonders geschärft? Wie nehme ich zum Beispiel mit geschlossenen Augen Gerüche oder Klänge wahr? Wie male oder zeichne ich mit geschlossenen Augen? Im inklusiven Kontext bietet kreatives Arbeiten besonders intensiven Austausch über Sinneswahrnehmung, was die Kinder gut auch auf alltägliche Erfahrungen ausweiten können. Das Interesse füreinander – sowohl für die Stärken als auch für Schwächen des anderen – wird geweckt und fördert die dialogische Begegnung. Im kreativen Kontext muss der Dialog nicht verbal ablaufen: Er kann im gemeinsam gemalten Bild, im plastischen Gestalten, und auch im gemeinsamen Tanzen oder Musizieren stattfinden.
Zur Person
Dr. Halka Breyhan ist intermediale Kunsttherapeutin und Kreativpädagogin. Für die Paritätische Akademie NRW gibt sie Seminare zum Thema “Kreativ fördern in der inklusiven pädagogischen Arbeit” .
Welche Fähigkeiten entwickeln Kinder durch gestalterische Tätigkeiten?
Vor allem werden alle Sinne mit einbezogen, oft mehrere gleichzeitig, zum Beispiel taktiler, auditiver und visueller Art. In diesem Zusammenhang ist „Synästhesie“ – also das Zusammenspiel der Sinne – von besonderer Bedeutung. Im Kindesalter besitzen Menschen noch die Gabe der synästhetischen Wahrnehmung, zum Beispiel bestimmten Tönen Farben zuzuordnen. Die Aufmerksamkeit ist besonders geschärft; es werden neue Verbindungen und Zusammenhänge gefunden, was eine Grundvoraussetzung für Kreativität und auch für Gestaltung bedeutet.
Es darf geforscht, erforscht und experimentiert werden. So können gestalterische Aktivitäten möglichst frei von Wertung vermittelt werden: Der kreative Prozess steht im Vordergrund. „Scheitere“ ich in der Umsetzung einer gestalterischen Idee, kann sehr gut im Schaffungsprozess etwas anderes, Neues, Überraschendes entstehen. Aber auch Koordination, Feinmotorik und Stärkung des Muskeltonus werden mit gefördert, ohne dass diese Förderung im Vordergrund stehen muss.
Ist es notwendig, selbst künstlerisch begabt zu sein, wenn ich mit Kindern kreativ übe?
Nein, das ist keine Voraussetzung, denn das Experimentelle in der kreativen Arbeit schließt experimentieren, ausprobieren und eben auch „scheitern“ mit ein. Es stellt die Erfahrung mit dem Material, der Bewegung, der Technik, der Wahrnehmung, dem Erlebnis als übergreifenden Prozess in den Mittelpunkt, nicht das Ergebnis. Ich denke, da ist es eher wichtig, dass ich kreative Aktivitäten anbiete, die mich selbst interessieren oder faszinieren, sodass ich mit meinen Angeboten auf die Kinder authentisch, überzeugend und motivierend wirke.
Artikelfoto: Danila Shtantsov/Adobe Stock

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