Hauptmenu

Abschlusskonferenz

Vorstellung Mum, Dad & Me

Wuppertal, 12. Mai 2005, 10 Uhr morgens – Was heute in Raum „Elberfeld“ in der Bildungsstätte Burgholz passiert, mag auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen. Mehrere Frauen stehen in einem Kreis und werfen einander ein Wollknäuel zu, so dass ein Netz entsteht. Ein Beamer wirft Kindergartenfotos an die Wand, im Hintergrund laufen Kinderlieder in verschiedenen Sprachen - im Moment zu hören: „Sur le pont d’Avignon“. Was geht hier vor sich?

Das Netz, das die 20 Frauen entstehen lassen, steht symbolisch für die Vernetzungskonferenz, auf der sie sich befinden. Was aussieht wie ein Spiel, ist die Vorstellungsrunde bei der Abschlusstagung des europäischen Projektes „Mum, Dad and Me – Toddlers’ Club“.

Kindergärtnerinnen, Experten und Eltern sind gekommen, um das Projekt kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und über ihre Erfahrungen im Bereich „Frühes Fremdsprachenlernen“ zu sprechen. Teilnehmerin Mireille Romer-Rouviere vom Deutsch-Französischen Kindergarten e. V. „Les petits Malins“ freut sich über die Einladung zur Konferenz. „Das Treffen gibt uns eine gute Möglichkeit über das Projekt zu reden und pädagogische Ideen auszutauschen. Im Alltag hat man viel zu selten Zeit sich mit Kollegen zu treffen und über Erfahrungen zu sprechen,“ So Romer-Rouviere.

Die Europäische Union möchte die Sprachenvielfalt in Europa erhalten und setzt sich darum für den frühzeitigen Fremdsprachenerwerb ein. Das Sokrates/Lingua-Projekt „Mum, Dad and Me – Toddlers’ Club“ liegt ihr daher besonders am Herzen. Seit September 2005 heißt es für eine Gruppe von Eltern: „Entdecke die Welt durch die Augen deines Kindes“. Zusammen mit ihren 2-3jährigen Kindern besuchen sie den Sprachclub des Deutsch-Französischen Kindergartens in Wuppertal. Die Paritätische Akademie NRW arbeitet seit Oktober 2004 zusammen mit anderen europäischen Partnern an dem Projekt. Gemeinsam mit dem slowakischen Koordinator und den drei Projektpartnern aus Italien, Ungarn und Tschechien wurde ein gemeinsamer Methodenplan erarbeitet, der national in den verschiedenen Sprachclubs umgesetzt und ausgewertet wird.

Rabe Mum, Dad & Me

Bestes Beispiel für den Erfolg dieser Methode ist Leon, der den Sprachclub des Deutsch-Französischen Kindergartens besucht und mit seiner Mutter zur Konferenz gekommen ist. Als Françoise Ruel den Sprachclub vorstellt und einige Lieder und Reime anstimmt, lauscht er aufmerksam. Anfangs noch etwas schüchtern, plappert er bald munter drauf los –auf Deutsch und Französisch.

Marion Kamrath, Leons Mutter, ist begeistert vom Sprachclub. „Uns hätte nichts Besseres passieren können. Leon liebt Françoise und freut sich jedes Mal auf den Sprachclub.“ Sie ist überzeugt, dass die Kinder viel lernen.


„Während des Sprachclubs habe ich oft das Gefühl, die Kinder bekommen gar nichts mit. Sie wirken unruhig und unaufmerksam. Wenn wir dann aber zu Hause sind, singt Leon die Lieder ohne Probleme alleine und kennt alle Begriffe“.

Nach Abschluss des Projektes wird Leon wie viele der Kinder aus dem Sprachclub in eine der Spielgruppen des Deutsch-Französischen Kindergartens gehen. Später wird er vielleicht eine zweisprachige Grundschule besuchen. „Der Kontakt zur Sprache sollte möglichst über den Kindergarten hinaus erhalten bleiben, damit der Lernprozess fortgesetzt wird“, erklärt Birgit Oberhofer.

Für fortlaufendes Fremdsprachenlernen setzen sich auch die zwölf France Mobil-ReferentInnen ein, die mit ihren Autos durch ganz Deutschland fahren. Sie präsentieren deutschen Schülern Frankreich und die französische Sprache neu und hautnah. Ihr Ziel ist es, das Interesse der Schüler an der Sprache zu wecken und zu erreichen, dass diese Französisch als erste oder zweite Fremdsprache wählen. Das Angebot ist kostenlos. Die für Nordrhein-Westfalen zuständige France Mobil-Referentin Céline Rethore besucht auch einsprachige Kindergärten. Mit ihr zusammen tauchen die Kinder für eine halbe Stunde in die französische Sprachwelt ein.

Die Frage wie man Kinder beim Erlernen einer Fremdsprache fördern kann, beschäftigt die Konferenzteilnehmerinnen während des Workshops von Regine Fehlings de Acurio, der Vorsitzenden des Kölner Vereins mehrSprache e. V.. In vielen bilingualen Kindergärten spricht jeweils eine Erzieherin nur die Fremdsprache, die andere nur Deutsch. „Das geht soweit, dass die Kinder in unserer Einrichtung versuchen unserer niederländischen Kraft Deutsch beizubringen“, schmunzelt Ulla Sundmacher, Erzieherin im Kindergarten „Pusteblume“ in Gronau.

„In den Medien geht es meist um die Probleme ausländischer Kinder mit der deutschen Sprache. Die Bedeutung der Mehrsprachigkeit wird oft vernachlässigt. Dabei werden Sprachen in Zukunft eine große Rolle spielen“, berichtet Birgit Oberhofer. „Kinder bekommen durch frühes Sprachenlernen viele Möglichkeiten und bessere Chancen, um gut ins Leben zu starten.

Konferenzteilnehmer Mum, Dad & Me

“Bilinguale Kindergärten bieten nicht nur deutschen Kindern große Chancen. Auch die Integration von ausländischen Kindern gelingt über einen zweisprachigen Ansatz leichter. „Ausländische Kinder lernen dann die deutsche Sprache am besten, wenn ihre Muttersprache gefestigt und weiter gefördert wird. Darum ist es wichtig, dass sie mehrsprachig aufwachsen können. Bilinguale Kindergärten bieten dafür die beste Voraussetzung“, erklärt Anne Meyer von der RAA Wuppertal. Die RAA setzt sich für die mehrsprachige Erziehung von Kindern aus Zuwandererfamilien ein und hat daher ein besonderes Interesse am Projekt und an der Vernetzungskonferenz.

Dass Mehrsprachigkeit immer wichtiger wird, haben inzwischen auch viele Eltern begriffen. Nicole Erdmann, Inhaberin von Lingutoy und Mutter dreier zweisprachig aufwachsender Kinder, erzählt: „Oft haben wir Anfragen von Eltern, die ihre Kinder in einen zweisprachigen Kindergarten schicken möchten, aber nicht wissen, wo sie einen solchen finden.“ Diesen Eltern kann sie oft nicht weiterhelfen, denn die Nachfrage nach zweisprachigen Kindergärten ist größer als das Angebot.

Besonders wichtig ist daher die Signalwirkung des Projektes auf andere Kindergärten. „Wir haben unser Ziel erreicht, wenn viele Kindergärten das Konzept übernehmen und es den Kindern ermöglichen, schon früh eine Fremdsprache zu erlernen“, erklärt Birgit Oberhofer.

Diesem Ziel sind die Projektverantwortlichen heute einen Schritt näher gekommen. Die Konferenzteilnehmerinnen wollen sich von nun an regelmäßig treffen. „Durch ein Netzwerk können wir uns untereinander austauschen und haben vielleicht auch eine Wirkung auf andere Kindergärten“, erklärt Françoise Ruel. Anette Krahe, Erzieherin an einer einsprachigen Einrichtung, ergänzt „Ich fand das Treffen sehr spannend und habe viele Anregungen bekommen. Es interessiert mich sehr wie zweisprachige Einrichtungen arbeiten und würde mich freuen, wenn wir in Kontakt bleiben.“ Das nächste Treffen der Gruppe ist für November 2006 geplant.

Sylvia Schulz